Der Schreibtisch des Kaisers: ein Ort politischer Entscheidungen in der Habsburgermonarchie? Franz Joseph I. und dessen Kabinettskanzlei

Projektzeitraum: Februar 2018 – Januar 2021
Projektleitung: Jana Osterkamp (Collegium Carolinum) und Peter Becker (Universität Wien)
Förderung: Das Projekt wird auf deutscher Seite von der DFG gefördert.
Forschungsprojekt des Collegium Carolinum in Kooperation mit der Universität Wien.

Viele Bilder zeigen Kaiser Franz Joseph als disziplinierten "Schreibtischtäter". Sie stimmen überein mit seiner Selbstbeschreibung. Für seine Tätigkeit erhielt er allerdings Unterstützung durch die Kabinettskanzlei. Sie registrierte und protokollierte die etwa 250.000 sogenannten Vorträge (schriftliche Vermerke von Ministerien, Landesvertretern, Privaten u.a.), die der Kaiser während seiner Regierungszeit erledigte.

Unser deutsch-österreichisches Projekt macht sich diese sorgfältige bürokratische Erschließung der Eingaben zunutze. Wir verstehen sie als eine Art Kanal, mithilfe dessen erstmals die gesamte Regierungstätigkeit der Habsburgermonarchie durch eine statistische Politikfeldanalyse sichtbar wird. Wir notieren die Verteilung der Vorträge auf die einzelnen Politikfelder und verfolgen deren Veränderung im Laufe der Zeit. Dadurch erhalten wir eine Gesamtschau auf die Regierungstätigkeit und -zeit von Kaiser Franz Joseph I.

Zusätzlich zu diesem quantitativen Ansatz werden qualitative Studien durchgeführt. Zwei Doktoranden analysieren Infrastruktur/Technologie und symbolische Politik am Beispiel von Eisenbahnbau bzw. Nobilitierungen. Bei diesen Studien stehen Verteilungsfragen von materiellen und immateriellen Ressourcen und Netzwerke von staatlichen wie nicht-staatlichen Akteuren für die Integration der Monarchie im Vordergrund. Eine dritte Dissertation befasst sich mit der Kabinettskanzlei selbst als Ort der Politik, die, in erster Linie verkörpert durch den Direktor Adolf Braun, selbst stark in unterschiedliche Teile der Monarchie und der Gesellschaft vernetzt war.

Am Collegium Carolinum ist das Dissertationsprojekt von Marion DotterNobilitierungen und Adel in der k.k. bzw. k. u. k. Monarchie während der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I. (1848–1916)“ zur symbolischen Politik angesiedelt, das die administrative Nobilitierungspraxis der späten Habsburgermonarchie untersucht.


Das Gesamtprojekt wird durch die Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden sowie von Text- und Netzwerkanalyse erstmals wesentliche Aufschlüsse über Logiken informeller Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten.


Zusätzlich findet das halbjährliche Kolloquium „Staat und Verwaltung im Gespräch“ statt, das zwischen München und Wien alterniert.


Kontakt: Jana Osterkamp
Website: https://www.univie.ac.at/emperorsdesk/

Nobilitierungen und Adel in der k.k. bzw. k. u. k. Monarchie während der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I. (1848–1916)

Projektzeitraum: Februar 2018 – Januar 2021
Projektbearbeitung: Marion Dotter

Das Projekt wird auf deutscher Seite von der DFG gefördert.

Dissertationsprojekt am Collegium Carolinum im Rahmen des Forschungsprojekts „Der Schreibtisch des Kaisers. Ein Ort politischer Entscheidungen in der Habsburgermonarchie?“

Die Dissertation widmet sich dem großen Bereich des Adels in der Habsburgermonarchie. Thematisch im Vordergrund stehen u.a. Nobilitierungen, d. h. Verleihungen von Adelstiteln, Renobilitierungen, d. h. die Erneuerung und Wiederherstellung des Adelsstatus sowie Adelsstandserhöhungen, d. h. die Verbesserung in der adeligen Hierarchie.

Für den Zeitraum der zweiten Hälfte des 19. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert konzentriert sich die Arbeit auf jene Vorgänge in der Kabinettskanzlei, weitet ihren Blick aber auch auf andere Verwaltungsebenen. Die Frage, wer Teil des Adels werden und in diesem sozialen Gefüge aufsteigen durfte, hatte für Kaiser Franz Joseph große Bedeutung. Nachdem dieser zahlreiche realpolitische Kompetenzen an die Regierung und das Parlament abgeben musste, behielt er sich die Entscheidungsgewalt in diesem Politikfeld vor. Um die Steuerung symbolischer Politik durch den Herrscher herauszuarbeiten, nutzt die Arbeit Konzepte wie Loyalität, soziales Kapital und die „Kulturen des Entscheidens“.

In dem Dissertationsprojekt werden zunächst die Veränderungen und Entwicklungen des Politikfeldes im Laufe der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs statistisch ausgewertet. Die einzelnen Vorgänge werden danach mit semantischen und diskursanalystischen Werkzeugen untersucht und die Netzwerke zwischen Antragsteller und Institution sichtbar gemacht.

Als Quellengrundlage dienen neben den Akten der Kabinettskanzlei auch jene des Adelsarchivs im kaiserlichen Innenministerium, sowie ausgewählter Statthaltereien, um institutionelle Verwebungen und Kooperationen auf lokaler und staatlicher Ebene, die zu einer Adelsverleihung führten, nachzuvollziehen. Die Fallbeispiele werden sich vorrangig auf die Böhmischen Länder und Venetien konzentrieren.