Vielfalt ordnen. Föderalismusvorstellungen in der Habsburgermonarchie und ihren Nachfolgestaaten
Im Frühjahr 2012 wird am Collegium Carolinum eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Emmy Noether-Nachwuchsgruppe ihre Arbeit aufnehmen. Unter dem Titel "Vielfalt ordnen" werden sich drei Wissenschaftler/innen mit Föderalismuskonzeptionen seit dem 19. Jahrhundert befassen.
Im Mittelpunkt stehen föderale Ordnungsvorstellungen aus der Perspektive gesellschaftlicher Vielfalt: Dabei geht es gewissermaßen um eine Geschichte des Föderalismus
"von unten". Das Hauptvorhaben von Jana Osterkamp widmet sich der Geschichte der Habsburgermonarchie im langen 19. Jahrhundert, zwei Promotionsprojekte liefern ergänzende Studien zur Föderalismusgeschichte der Nachfolgestaaten und des Staatssozialismus.
Die Habsburgermonarchie war niemals ein föderaler Bundesstaat und dennoch ein ganz besonderes Laboratorium für föderale Ordnungsvorstellungen. Ihre polyethnische und multikonfessionelle gesellschaftliche Zusammensetzung, gepaart mit höchst ungleichen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, bildet sich in den föderalen Entwürfen ab. Dies gilt teilweise noch für die Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie. Das Projekt befasst sich mit den Zusammenhängen von Nation, Region, Wirtschaft bzw. Religion und Föderalismus.
Nation und Föderalismus: Die Nationalitätenfrage hat die bisherige Föderalismusforschung zur Habsburgermonarchie und auch den Nachfolgestaaten bestimmt. Die Föderalismusentwürfe der Nationalitäten gerieten dabei regelmäßig in den Verdacht, separatistische Ziele zu verfolgen. Es ist vielversprechend, solche Wertungen mit dem Instrumentarium der aktuellen Politikwissenschaft zu hinterfragen. Diese unterscheidet zwischen multiethnischem und multinationalem Föderalismus: Der eine befördert eher Assimilation und Integration, der andere eher Separation.
Region und Föderalismus: Gesellschaftliche Vielfalt auf dem Gebiet der (früheren) Habsburgermonarchie war eine Vielfalt in der Vielfalt. Ethnische, konfessionelle, wirtschaftliche und soziale Unterschiede hatten jeweils andere regionale Verlaufsmuster: Einheiten mit ethnischer Homogenität konnten, mussten sich aber nicht, mit Einheiten konfessioneller Homogenität decken. In föderalen Entwürfen tauchen manche Regionen (Galizien oder Mähren) daher in verschiedenen Zusammenhängen historischer, nationaler oder konfessioneller Art auf.
Wirtschaft und Föderalismus: Es stellt sich drittens die Frage, welchen Einfluss wirtschaftliche Infrastrukturen auf föderale Reformvorstellungen hatten Wie wurden die sehr ungleichen Wirtschaftsräume berücksichtigt? Ein anderer Punkt ist das Verhältnis von staatlicher Wirtschaftsverfassung und föderaler Ordnung. So hatte die fiskalische Aufgabenverteilung auf Länderebene in der Habsburgermonarchie zuletzt quasi-föderale Züge. Um die Jahrhundertwende waren ein "Finanzausgleich" und eine Solidarhaftung der Länder im Gespräch.
Religion und Föderalismus: Das Interesse an der Wechselbeziehung zwischen Religion und Föderalismus ist zunächst ideengeschichtlich. Das Denken von gesellschaftlicher "Subsidiarität", das von der katholischen Soziallehre entwickelt wurde, ist paradigmatisch für Föderalismustheorien geworden. Daneben sollen Einflüsse der protestantischen Theologie des Bundes und von jüdischen Selbstverwaltungsideen untersucht werden. Außerdem wird gefragt, inwiefern die territoriale Binnengliederung föderaler Ordnungsentwürfe durch konfessionelle Präferenzen beeinflusst wurde.
Die Fragen nach "Loyalität" und "Moderne" verbinden die drei Teilprojekte. Da Loyalitätsbeziehungen konstitutiv für föderale Ordnungsmuster sind, soll gezeigt werden, wie sich Zusammenhalt und Abgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen – aber auch Überlappungen verschiedener Gruppenzugehörigkeiten – in Vorstellungen von föderaler Ordnung widerspiegeln. Diese Ordnungsideen werden außerdem als Antwort auf Ausdifferenzierungsprozesse der Moderne und als Folgewirkungen eines gewandelten Verhältnisses von Staat, Gesellschaft und Gemeinschaften gedeutet.
Ausschreibung der Doktorandenstellen
Jana Osterkamp

