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Ökonomische Ordnungsleistungen und wirtschaftspolitische Ordnungsvorstellungen in Österreich-Ungarn 1897-1910

Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war ein ebenso ungewöhnliches wie interessantes staatliches Gebilde. Es verband Elemente einer bundesstaatlichen Ordnung mit solchen eines Staatenbundes. Die beiden im innenpolitischen Bereich weitgehend souveränen Teilstaaten hielt ein dünnes Band gemeinschaftlicher Aufgaben wie Außenpolitik und Verteidigung zusammen. Formal gestärkt wurde die Gemeinschaft durch eine Reihe "paktierter", auf intergouvernementalem Handeln beruhender Einrichtungen der Monarchie auf wirtschaftlichem Gebiet. Hierzu gehörten das Zoll- und Handelsbündnis sowie die gemeinsame Währung und Notenbank. Im politischen Alltag erwiesen sich diese – ebenso wie die Frage der Finanzierung der gemeinsamen Aufgaben – als Zankapfel zwischen beiden Teilstaaten. Eine gemeinschaftliche Aufsicht in wirtschaftlichen Fragen existierte nicht.


Angesichts dessen stellt das Projekt zwei Fragen: Welche praktischen Ordnungsleistungen erbrachte dieses institutionelle Setting zwischen ökonomischer Integration und wirtschaftspolitischer Autonomie vor dem Hintergrund der erheblichen wirtschaftlichen Unterschiede und der Nationalitätenkonflikte in der Habsburgermonarchie? Wie verhielt sich dieses Setting zu den zeitgenössischen Vorstellungen von guter ökonomischer und wirtschaftspolitischer Ordnung? Dem Projekt liegt dabei ein Verständnis von Institutionen zugrunde, das nicht nur deren sozial-regulative, sondern auch deren subjektiv-intentionale Funktionen umfasst. Institutionen beeinflussen nicht nur das gesellschaftliche Geschehen, sondern auch die korrespondierenden Sinnvorstellungen der Zeitgenossen. Dadurch wird Wirtschaftsgeschichte zugleich stärker als Kulturgeschichte gedacht. Es wird nunmehr nicht allein nach dem realökonomischen Output, sondern auch nach nicht-ökonomischen und nicht-intendierten Folgen eines bestimmten Settings ökonomischer Institutionen gefragt. Eine Arbeitshypothese des Projekts lautet, dass die Institutionen der Habsburgermonarchie ungeachtet ihrer Defizite durchaus leistungsfähig waren, aber dennoch nach den zeitgenössischen Vorstellungen von guter Ordnung zunehmend als schwach und ungenügend delegitimiert wurden. Die Quellengrundlage des Projektes bildet einerseits staatliches Archivmaterial, zum Beispiel der Handels- oder der Finanzministerien, andererseits zeitgenössisches Material mit ökonomischen und wirtschaftspolitischen Bezügen, zum Beispiel Verbandszeitschriften für die Analyse der Auseinandersetzung industrieller Verbände mit der dualistischen Wirtschaftsordnung und mit dem jeweils anderen Teilstaat.

Für das Spannungsfeld zwischen gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Integration einerseits und Vielfalt andererseits wurde Föderalismus häufig als mögliche politische, mit den ökonomischen Anforderungen allerdings inkompatible Lösung betrachtet. Als Teilprojekt der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe "Vielfalt ordnen. Föderalismusvorstellungen in der Habsburgermonarchie im langen 19. Jahrhundert" lässt das Dissertationsvorhaben daher relevante Erkenntnisse zur ökonomisch orientierten Auseinandersetzung um die bestehende Ordnung der Habsburgermonarchie, aber auch zu Alternativen des Dualismus erwarten.

 

Björn Lemke

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