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Die Kriminalität der Anderen: Ethnizität und Kriminalität in den preußischen Ostprovinzen und den böhmischen Ländern im langen 19. Jahrhundert

Ethnizität als kriminalitätsgeschichtliche Kategorie hat in Studien über die Verbrechensentwicklung in Deutschland und Österreich im 19. Jahrhundert bislang kaum Berücksichtigung gefunden. Diese geschichtswissenschaftliche Vernachlässigung ist umso verwunderlicher, als der ethnische Hintergrund von Delinquenten in aktuellen Debatten ein kontroverses Argument bildet. Historische Analysen zu diesem Themenbereich ermöglichen also Rückschlüsse auf die Entstehung und Etablierung von Stereotypen über vermeintlich kriminelle "Andere".


Mit den preußischen Ostprovinzen im Deutschen Kaiserreich und den böhmischen Ländern in der Habsburgermonarchie werden zwei gemischtnationale mitteleuropäische Regionen in den Fokus genommen, die historisch und demographisch sehr unterschiedlich geprägt waren: Im Fall der preußischen Ostprovinzen handelte es sich um Teile eines nationalisierenden Staates, bei den böhmischen Ländern um Regionen eines multinationalen Imperiums. Beide Gebiete werden einer vergleichenden Analyse unterzogen: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich feststellen, und inwiefern stehen diese Befunde im Zusammenhang mit staatlichen Strukturen und dem politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnis?


In der Tat gab es Auffälligkeiten zu beobachten, zum Beispiel, dass die Kriminalitätsraten im Osten des Deutschen Kaiserreiches besonders hoch waren, was entsprechende Diskussionen über angeblich besonders straffällige polnische Bevölkerungsteile auslöste. In den böhmischen Ländern waren indessen Industrialisierungszentren wie etwa das durch Zuwanderung ethnisch gemischte mährisch-schlesische Ostrava (Ostrau) durch besonders viele Verbrechen gekennzeichnet. Aber nicht nur das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts und der Beginn des 20. Jahrhunderts sind für das Projekt von Interesse, sondern auch die Jahrzehnte davor und danach. Sind in dieser Zeit ebenfalls Besonderheiten der Kriminalitätsentwicklung ethnisch gemischter Gebiete sowie der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurse festzustellen?


Dieser Mehrfachvergleich verweist auf die große Bedeutung von gesellschaftlicher und sozialer Teilhabe für die Integrationskraft multinationaler Gesellschaften – und zwar über unterschiedliche Staatsformen hinweg. Damit kann er auch für die heutige Zeit den Blick auf Mechanismen von Inklusion und Exklusion schärfen.


Volker Zimmermann

 

Verbrechen und Vergehen gegen Reichgesetze überhaupt im Jahre 1882 (nach Verwaltungsgebieten). Verurteilte auf 100.000 Einwohner im strafmündigen Alter. Die sieben Verwaltungsgebiete des deutschen Reiches mit den höchsten Kriminalitätsraten lagen 1882 allesamt in den preußischen Ostprovinzen. Dies ließ viele zeitgenössische Beobachter vermuten, dass der polnische Bevölkerungsteil in diesen Gebieten besonders kriminell veranlagt sei.

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