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Die Entdeckung der Muttersprache: Das Okzitanische, Jiddische und Belarussische zwischen regionalem Enthusiasmus, philologischem Fachdiskurs und nationaler Agitation

„Die Nationalität äußert sich praktisch in der Sprache, zumal in der gesprochenen Sprache (Muttersprache); die Statistik der Nationen wird nach Sprachen bestimmt, die Grammatiker untersuchen, inwieweit sich die Dialekte von wirklichen Sprachen unterscheiden."
(Masaryk, Tomáš G.: Nová Evropa (1920), zitiert nach der dt. Übersetzung von Emil Saudek (1922), 48)


In wenigen Sätzen bringt Tomáš G. Masaryk die in den Augen seiner Zeitgenossen selbstverständliche Bedingtheit von Sprache und Nation auf den Punkt. Die Vorstellung des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten von einer quasi naturgegebenen Verbindung zwischen dem Sprecher einer bestimmten Sprache und einer daraus ableitbaren nationalen Kategorie war jedoch auch außerhalb Ostmitteleuropas keine Unbekannte.


Vielmehr gab es in ganz Europa im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche Versuche, „kleine“, bislang noch nicht oder nur marginal verschriftliche Sprachen zu standardisieren und zu kodifizieren. Dies zielte nicht nur auf eine Ausdehnung ihres Wirkungskreises auf bis dahin „verschlossene“ Bereiche wie etwa Schule und Wissenschaft, sondern auch auf ihre Prestigesteigerung in der Öffentlichkeit. Bezeichnenderweise gingen diese Kodifizierungsprozesse häufig mit Bestrebungen nach kultureller und politischer Autonomie einher.


Absicht dieses Projektes ist es, aus wissenschafts- und kulturgeschichtlicher Perspektive den Prozess der Standardisierung und Kodifizierung dreier „kleiner“ Sprachen in West- und Ost(mittel)europa – des Okzitanischen, Jiddischen und Belarussischen – vergleichend zu untersuchen. Im Zentrum stehen dabei die Aktivitäten wissenschaftsnaher respektive kulturpolitischer Institutionen, die sich der aktiven Förderung „ihrer“ Sprache verschrieben hatten: der 1854 gegründete „Felibrige“, der mittels eigener schriftstellerischer Tätigkeit einerseits sowie forcierter Wörterbucharbeit andererseits einen einheitlichen okzitanischen Standard schaffen wollte; das im Vilna der Zwischenkriegszeit ansässige YIVO, das sich nicht nur als wissenschaftliches Zentrum der jiddischsprachigen Welt, sondern auch als „Vorreiter des Diasporanationalismus“ begriff  und die Redaktion der Zeitschrift „Naša Niva“ (Unser Feld), ein frühes Organ der belarussischen Nationalbewegung mit (volks-)sprachlichem Impetus.

 

Martina Niedhammer

 

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