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Schmelztiegel Hoyerswerda? Lokale Erinnerungsprozesse in einer postsozialistischen Industriestadt seit 1989

Wegweiser in Hoyerswerda

Im Zuge der Turbo-Industrialisierung der DDR ab den fünfziger Jahren wurde aus der Kleinstadt Hoyerswerda die „zweite sozialistische Stadt“ nach Eisenhüttenstadt. Die Errichtung des Kohleveredelungskombinats „Schwarze Pumpe“ im Bezirk Cottbus (Grundsteinlegung 1955), die größte industrielle Investition in der DDR der späten fünfziger und der sechziger Jahre, versprach Arbeitsplätze und Wohnraum. Das nahe gelegene Hoyerswerda wurde zur Wohnstadt der „Schwarzen Pumpe“ im Plattenbaustil mit schließlich circa 70.000 Menschen ausgebaut – unter ihnen viele Vertriebene zumeist aus Schlesien und aus der Tschechoslowakei. Die Migrationsstadt Hoyerswerda wurde zur Planstadt einer politischen Ideologie: ein „neuer Raum“ für „neue Menschen“. Mit dem Ende des Kalten Krieges begann eine Phase der Transformation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im neuen Deutschland. Hoyerswerda wurde zur „shrinking city“: Die Einwohnerzahl der Stadt betrug 2011 nur noch 36.000.
Vor dem Hintergrund einer sich nach 1989 formierenden pluralen und demokratischen städtischen Gesellschaft und im Kontext historischer (Master-)Narrative der staatssozialistischen Zeit wird nach Erinnerungsprozessen gefragt, die sich im Wechselspiel lokaler Akteure (örtliche Parteien, migrantische und nicht-migrantische Vereine, (Bürger-)Initiativen sowie städtische Institutionen und Einrichtungen) vollzogen haben. Damit rücken medial vermittelte kollektive Erinnerungsakte (Gedenkveranstaltungen, öffentliche Reden, schriftliche Dokumente, Ausstellungen) ebenso ins Blickfeld wie verbandsinterne Aushandlungen von Erinnerung.
Inwiefern spiegeln sich im lokalen Raum dabei die nationalen „großen“ Debatten über (Zwangs-)Migrationsprozesse und Kriegsereignisse? Bilden sich in Hoyerswerda zumindest partiell „eigenständige“ Erinnerungsformen heraus? Welche Funktion besitzen die Erinnerungen an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen vom September 1991, die Hoyerswerda zum Synonym rechtsextremer Gewalt im Osten der BRD werden ließen? Wie verhält es sich mit Unterdrückungs- und Leiderfahrungen während der kommunistischen Ära? Zudem gilt es die kollektiven Erinnerungen der 1912 in Hoyerswerda gegründeten „Domowina“ (Bund Lausitzer Sorben) zu beachten.
 
K. Erik Franzen

 

K. Erik Franzen hat auf der Wissenschaftsplattform „hypotheses.org“ einen projektbegleitenden, privaten Weblog eingerichtet: http://hoyerswerda.hypotheses.org/.

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