Dokumente zur tschechischen und slowakischen Zeitgeschichte
Herausgegeben von Robert Luft, Collegium Carolinum, München

Der folgende Text ist auch erschienen in:
Berichte zu Staat und Gesellschaft in der Tschechischen und in der Slowakischen Republik.
Herausgegeben vom Vorstand des Collegium Carolinum, München
im Auftrag und mit finanzieller Förderung durch das Auswärtige Amt

Jahrgang 1995, Heft 1, 29 - 39

Vgl. auch die tschechische Originalfassung "Ceši a Nìmci na cestì k dobrému sousedství" in: Havel, Václav: Projevy a jiné texty z let 1992-1999. (Václav Havel. Spisy 7). Praha 1999, 358-374.

Copyright der deutschen Übersetzung © 1999 Collegium Carolinum 
Verwendung im wissenschaftlichen Bereich nur unter genauer Angabe der Quelle gestattet. Jegliche gewerbliche Nutzung einschließlich des Kopierens (Spiegelns auf andere Server) – auch zur Verwendung im akademischen Unterricht –  ist untersagt.

Redaktionelle Bearbeitung der Übersetzung: Norbert Vierbücher 

Rede des Präsidenten der Tschechischen Republik, Václav Havel, zum tschechisch-deutschen Verhältnis, gehalten am 17. Februar 1995 im Karolinum zu Prag

Tschechen und Deutsche auf dem Weg zu einer guten Nachbarschaft 

Am 17. Februar 1995 hielt der Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, im Karolinum der Karls-Universität zu Prag eine vielbeachtete Rede, die das deutsch-tschechische Verhältnis zum Thema hatte. Die folgende Textdokumentation basiert auf der offiziellen deutschen Übersetzung, die offenkundig von einer Person nichtdeutscher Muttersprache erstellt wurde und nicht in allen Fällen der Bedeutung des Themas oder gar den anerkannten rhetorischen Qualitäten des tschechischen Präsidenten ganz gerecht wird. Diese Übersetzung wurde unter Benutzung des tschechischen Originaltextes von einem ausgebildeten Übersetzer deutscher Muttersprache einer behutsamen, inhaltsneutralen und rein stilistischen Redaktion unterzogen. Der so entstandene deutsche Wortlaut der Rede Präsident Havels ist nachstehend wiedergegeben: 


Magnifizenz, 
meine Damen und Herren, 
                                                    unsere Generationen leben in einer Zeit, die man möglicherweise einmal als Zeit einer großen geschichtlichen Wende, eines Umbruchs ansehen wird. Es ist eine Zeit, in der eine neue internationale Ordnung mühsam zur Welt kommt, in der viele Staaten aufs neue ihren Charakter, ihre Identität und ihren Platz im internationalen Geschehen suchen, in der auf unserer Erde sogar eine Suche nach einem neuen Geist im Zusammenleben von Menschen, Völkern, Kulturen und ganzen Zivilisationskreisen vonstatten geht. Man kann sagen, daß wir an einem Scheideweg angelangt sind und uns einer großen Herausforderung gegenübersehen. Unvermeidlich wird die Gegenwart auch zur Zeit erneuter Reflexion - einschließlich des Zurückdenkens an die Geschichte - und neuen Bilanzziehens. 

Zweiten Weltkrieges dazu auffordert, darüber nachzudenken, welche Schlußfolgerungen wir jetzt - mit zeitlichem Abstand - aus jenem Krieg, dem furchtbarsten in der Geschichte der Menschheit, ziehen können. Es geht auch nicht lediglich darum, daß der fünfte Jahrestag des Falls der Berliner Mauer und des Endes des Kalten Krieges und der bipolaren Teilung der Welt uns zu der Überlegung veranlaßt, was die jüngsten Ereignisse gebracht haben, was sie bedeuten und vor welche Aufgaben sie uns stellen. Es geht um mehr: Wir müssen alle diese Geschehnisses in ihren breiteren und tieferen geschichtlichen Kontext stellen und die Herausforderung unserer Zeit vor dem Hintergrund ihrer grundlegenden Reflexion zu formulieren suchen. 

Hierzu möchte ich mit einigen Bemerkungen zu den tschechisch-deutschen Beziehungen beitragen. Es ist mir eine Freude, dies an einem Ort tun zu können, der die jahrhundertealte intellektuelle Koexistenz von Tschechen und Deutschen so deutlich in Erinnerung ruft, wie dies anderswo kaum möglich wäre: auf dem akademischen Boden der Karls-Universität. 

Für uns bedeutet das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen mehr als bloß eines von vielen Themen unserer Diplomatie. Es ist Teil unseres Schicksals, sogar Teil unserer Identität. Deutschland ist unsere Inspiration wie unser Schmerz, eine Quelle von verständlichen Traumata, von mancherlei Vorurteilen und Irrglauben sowie von Maßstäben, auf die wir uns beziehen; einige sehen Deutschland als unsere größte Hoffnung, andere als unsere größte Gefahr. Man kann sagen, daß sich die Tschechen durch ihre Einstellung Deutschland und den Deutschen gegenüber sowohl politisch als auch philosophisch definieren, und daß sie durch die Art dieser Einstellung nicht nur ihr Verhältnis zur eigenen Geschichte, sondern auch den eigentlichen Typ ihres nationalen und staatlichen Selbstverständnisses bestimmen. Für die Deutschen ist das Verhältnis zu den Tschechen verständlicherweise nicht von einer derart fundamentalen Bedeutung, jedoch ist es für sie wichtiger, als mancher von ihnen vermutlich zugeben würde: traditionell ist es einer der Tests, der auch den Deutschen ihr Selbstverständnis enthüllt. Mehrere Male ist ja Deutschlands Beziehung zu uns ein wahres Spiegelbild seiner Beziehung zu Europa gewesen! Gerade in jener Zeit, in der auch das neu vereinte Deutschland seine neue Identität und seine neue Stellung in Europa und in der Welt sucht, ist dieses Verhältnis um so bedeutsamer. 

Was bedeutet das nun für uns? Nicht mehr und nicht weniger als eine Aufforderung, über das tschechisch-deutsche Thema öffentlich, offen und sachlich zu sprechen, wohl wissend, daß wir, indem wir dies tun, über uns selber sprechen. 

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Erst in der jüngeren Vergangenheit, das heißt in den letzten beiden Jahrhunderten, hat das tschechisch-deutsche oder deutsch-tschechische Verhältnis seine dramatische, mitunter fast peinigende Gestalt angenommen, als es zunehmend von der nationalen Dimension oder vom nationalen Gehalt geprägt wurde. Durch diese moderne Erfahrung wird oft die Tatsache verdeckt oder überschattet, daß es in der früheren Geschichte eine viel längere Erfahrung gegeben hatte, die gekennzeichnet ist von einer besonderen Art schöpferischen Zusammenlebens von Tschechen und Deutschen in einem Staatsgebilde. 

Selbstverständlich war das Zusammenleben auch damals nicht immer einfach oder idyllisch, doch ging es bei den verschiedensten Konfrontationen, die später als rein nationale Konfrontationen hingestellt wurden, in Wahrheit um ganz andere Dinge als darum, wer welchem Volk angehörte. Jene Auseinandersetzungen drehten sich um Religion, um Ideen oder Ideologien, um Macht, um soziale oder andere Fragen, und obwohl es in einigen Fällen auch eine Rolle spielte, woher die Beteiligten stammten oder welche Sprache sie sprachen, trat die unterschiedliche nationale Gesinnung in dem Sinne, wie wir sie heute verstehen, nicht als Beweggrund auf. Jahrhundertelang haben sich hier die beiden Elemente und auch noch das jüdische Element in vielerlei Hinsicht miteinander vermischt, haben einander inspiriert und beeinflußt, so daß man gar von einer Art Symbiose sprechen kann. Die verschiedensten Zusammenstöße haben diese Koexistenz weder gefährdet noch deren Ende signalisiert; im Gegenteil, sie haben ihre Geschichte mitgestaltet und mehr als einmal sogar stimulierend auf die politischen und kulturellen Leistungen der gesamten in unserem Lande lebenden Gemeinschaft gewirkt. Diese spezifische Gemeinschaft stellte de facto das wahre Subjekt der böhmischen Geschichte dar, wenn auch die tschechische Bevölkerung immer die Mehrheit unter den Einwohnern hatte. Auch die internationale Stellung des Königreichs Böhmen hat sich letztlich lange Zeit von dem unterschieden, was der gegenwärtigen Stellung eines Nationalstaates entsprechen würde: es handelte sich um ein besonderes, einflußreiches Gebilde innerhalb eines universalistisch aufgefaßten Heiligen Römischen Reiches, wobei für die Bedeutung dieses Gebildes nicht die Anzahl der Angehörigen seines Mehrheitsvolkes, sondern ganz andere historische Grunde ausschlaggebend waren. Unter letzteren spielte zweifelsohne seine - wie man es heute nennen würde - multikulturelle Natur eine Rolle. Die bedeutende Stellung der böhmischen Könige im Kurfürstenkollegium ist ein sprechender Beweis dafür. 

Der einzigartige Verlauf des beinahe tausendjährigen Zusammenlebens von Tschechen und Deutschen in unserem Lande bleibt, obgleich es während der letzten beiden Jahrhunderte immer schwieriger wurde und schließlich ein Ende fand, ein integraler Bestandteil unserer Geschichte und dadurch auch unserer heutigen Identität als Bürger der Tschechischen Republik und stellt einen Wert dar, den wir nicht vergessen dürfen. Unter anderem auch deswegen nicht, weil es - mit ein klein wenig Übertreibung gesagt - ein sehr moderner Wert ist, der auch bei der Gestaltung der neuen tschechisch-deutschen Beziehung Vorbildfunktion haben kann. 

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Über die Epoche des immer dramatischer werdenden Verhältnisses zwischen Tschechen und Deutschen in unserem Lande, wie es sich seit Beginn des vorigen Jahrhunderts infolge des fortschreitenden Nationalbewußtwerdens im modernen Wortsinn entwickelte, sind schon Bände geschrieben worden. Ich will mich deshalb darauf beschränken, einige wenige allgemeine Fakten zusammenzufassen, die meiner Meinung nach außer Zweifel stehen und die, wie es scheint, heutzutage von der tschechischen Seite erneut betont werden sollten. 

Erstens. Wenn zuweilen jemand behauptet, daß die Tschechoslowakische Republik - als Ergebnis des Selbstbewußtwerdens und Selbstbefreiungsstrebens der Tschechen und der Slowaken und als Produkt des Versailler Friedens - ein Irrtum und mithin die Ursache der späteren Katastrophen gewesen sei, so verrät er bloß seine eigene Unkenntnis. Die Entstehung der Republik ist nicht nur auf den Realismus zurückzuführen, welcher den Bestrebungen der Tschechen und Slowaken Rechnung trug, ihre Eigenständigkeit zu entfalten, sich von der Vorherrschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie zu befreien, die ihnen keine angemessene Stellung bot, und ihre neue, lebensfähige staatliche Existenz auf ihre Verbindung in einem Staat zu bauen. Nicht minder wichtig, wenn nicht sogar wichtiger war die Tatsache, daß hier mit Vorbedacht ein moderner, demokratischer, liberaler Staat gegründet wurde, der auf denjenigen Werten beruhte, zu denen sich jetzt das gesamte demokratische Europa bekennt und in welchem es seine Zukunft erblickt. Die Gründer dieses Staates nahmen an, daß er sich - vor dem Hintergrund einer Situation, die sich sowohl innen- als auch außenpolitisch stabilisierte - zu einem wahren Staat seiner Bürger entwickeln und sich auf die schöpferische Zusammenarbeit all seiner Bewohner und auf den Respekt der einen für die nationale Eigenständigkeit der anderen stützen würde. Die Tschechoslowakische Republik hatte natürlich auch ihre Mängel - beispielsweise brachte sie nie eine völlig zufriedenstellende Lösung ihrer Nationalitätenprobleme zuwege. Die Ursache dieser Mängel lag jedoch nicht in den Werten, die ihr in die Wiege gelegt worden waren und die ihr den Weg wiesen, sondern in der Unfähigkeit einiger politischer Kräfte, großzügig und im Geiste jener Werte kleine interne Probleme zu bewältigen, bevor sie von Feinden der Freiheit zu großen externen Problemen gemacht werden konnten. All dies ist bekannt und ist beschrieben worden, es ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß die Tschechoslowakei - zusammen mit Frankreich, den heutigen Benelux-Ländern, der Schweiz und den Staaten Skandinaviens - zu den wenigen wahrhaft demokratischen und in geordneten Verhältnissen lebenden Staaten des kontinentalen Europas gehörte. Dies wurde auch von Persönlichkeiten wie Thomas Mann bezeugt, dem die Tschechoslowakei - ebenso wie Tausenden anderer deutscher Demokraten - nach Hitlers Machtergreifung Asyl gewährte. Wenn sich die Tschechische Republik zur Kontinuität mit dem tschechoslowakischen Staat bekennt, so ist das doch ein unzweideutig positives Element. 

Zweitens. Es wäre eine gefährliche Vereinfachung, wollte man das tragische Ende des tausendjährigen Zusammenlebens der Tschechen mit den Deutschen ausschließlich in der Aussiedlung der Deutschen nach dem Kriege erblicken. Ohne Zweifel verkörperte die Aussiedlung das physische Ende dieses Zusammenlebens in einem gemeinsamen Staat, ging doch dadurch das Zusammenleben in der Tat zu Ende. Der tödliche Schlag, der dieses Ende verursachte, wurde ihm jedoch durch etwas anderes versetzt, und zwar durch ein fatales Versagen eines großen Teils unserer Bürger deutscher Nationalität, die Diktatur, Konfrontation und Gewalt, wie sie in Hitlers Nationalsozialismus verkörpert waren, den Vorzug vor Demokratie, Dialog und Toleranz gaben. Während sie sich auf ihr Recht auf Heimat beriefen, sagten sie sich in Wirklichkeit von ihrer Heimat los. Dadurch negierten sie unter anderem die herausragenden Leistungen zahlreicher deutscher Demokraten, die die Tschechoslowakei als ihre Heimat mit gestaltet hatten. So mängelbehaftet die Lösung der Nationalitätenfrage in der Vorkriegs-Tschechoslowakei auch gewesen sein mag, dieses Versagen kann sie nie rechtfertigen. Die es begingen, stellten sich nicht nur gegen ihre Mitbürger, gegen die Tschechoslowakei als Staat und gegen ihr eigenes Bürgerrecht in diesem Staat, sondern auch gegen die Grundlagen der Menschlichkeit. Sie nahmen eine perverse rassistische Ideologie an und begannen auch gleich mit deren praktischer Anwendung. Es ist großartig, daß viele Nachkommen unserer ehemaligen Mitbürger deutscher Nationalität dies begriffen haben und sich heute selbstlos und geduldig für die Versöhnung zwischen unseren beiden Völkern einsetzen. Über die Nachkriegs-Aussiedlung können wir unterschiedlicher Ansicht sein - meine eigene kritische Haltung ist allgemein bekannt - wir können sie jedoch nicht aus dem geschichtlichen Zusammenhang herauslösen. Wir können sie nicht getrennt betrachten von all dem Schrecken, der sich zuvor abgespielt hat und der ihre Ursache ist. Bis vor kurzem habe ich dies für derart selbstverständlich gehalten, daß ich keinen Bedarf verspürte, es wieder und wieder zu betonen; heute aber muß ich es klar zum Ausdruck bringen, weil sich in Deutschland Menschen wieder zu Worte melden, die dies alles ignorieren oder sogar in Frage stellen. Ich habe ja bereits mehrfach gesagt, daß das Böse ansteckend ist und daß das Böse der Aussiedlung nur eine traurige Folge des ihr vorangegangenen Bösen war. Darüber, wer als erster den Geist wirklich nationenbezogenen Hasses aus der Flasche gelassen hat, kann kein Zweifel bestehen. Und wenn wir - als Tschechen - unseren Teil der Verantwortung für das Ende des tschechisch-deutschen Zusammenlebens in den böhmischen Ländern anerkennen sollen, dann müssen wir der Wahrheit halber auch sagen, daß wir uns zwar von dem heimtückischen Virus der ethnischen Auffassung von Schuld und Sühne haben anstecken lassen, daß wir dieses Virus jedoch nicht - wenigstens nicht in seiner modernen, verheerenden Form - in unser Land gebracht haben. 

Drittens. Meine dritte Bemerkung zum Thema Ende des tschechisch-deutschen Zusammenlebens bezieht sich auf das Münchener Abkommen. Ich bin nicht sicher, ob es einigen, insbesondere auf deutscher Seite, hinreichend bewußt ist, daß München nicht bloß eine ungerechte Lösung einer strittigen Minderheitenfrage, sondern die letzte und in gewisser Hinsicht ausschlaggebende Konfrontation der Demokratie mit der Nazi-Diktatur war. Damals hat die Demokratie vor der Diktatur kapituliert und ihr dadurch den Weg zu jenem unerhörten Anschlag auf all die grundlegenden Werte der Zivilisation, sogar auf das eigentliche Wesen menschlichen Zusammenlebens geöffnet, wohl dem schwersten derartigen Schlag, der in der Geschichte geführt wurde. Für Hitler war München der letzte Test für die Stärke der Demokratie und ihre Fähigkeit, sich zu verteidigen. Die Münchener Kapitulation der Demokraten verstand er als Signal, daß es ihm freistünde, den Krieg zu entfesseln. Er hat sich gewaltig verkalkuliert, und die Demokratie hat sich schließlich behauptet, aber nur unter unermeßlichen Opfern, die sie höchstwahrscheinlich nicht hätte bringen müssen, wenn sie sich nicht der Illusion des appeasement hingegeben, wenn sie es fertiggebracht hätte, Hitler in der Münchener Krise Widerstand entgegenzusetzen. Auch hier hat die Angelegenheit wieder zwei Seiten, die es auseinanderzuhalten gilt: Während im militärischen Sinne der Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, nahm er seinen Anfang politisch ohne Zweifel mit dem Diktat von München. Hat ein großer deutscher Politiker nicht schon vor Jahren gesagt, daß München den Punkt darstellt, jenseits dessen es in den Abgrund ging? Die Mitwirkung so vieler unserer damaligen deutschen Mitbürger an der Vorbereitung Münchens sowie an dem, was folgte, kann daher nicht auf einen Kampf für ihre Minderheitenrechte reduziert werden. Damals ging es weder um die böhmischen Deutschen noch allein um eine Verstümmelung der Tschechoslowakei als Vorspiel zu deren späterer Okkupation. Damals wurde ganz unzweideutig und auf internationaler Ebene der menschlichen Freiheit und Würde der Kampf angesagt. Waren die deutschen Nazi-Gegner nicht die ersten, an denen sich die Nazis in Böhmen rächten? Für manche Deutschen, insbesondere für diejenigen, die von der Aussiedlung betroffen wurden, mag es vielleicht bis heute nicht einfach sein, dies zuzugeben, ebensowenig wie es für manche Tschechen, die dazu noch durch die Jahrzehnte der Unfreiheit, während derer dieses Thema tabu war, gehandikapt sind, einfach ist zuzugeben, welchen Schaden sie der Demokratie und somit auch sich selber dadurch zugefügt haben, daß sie nach dem Krieg den Gedanken der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat aufgriffen. 

Viertens. Über den Nationalsozialismus ist einmal geschrieben worden, er sei eine der schrecklichsten Äußerungen der auf Stammeszugehörigkeit gegründeten Auffassung vom Staat als einer Blutsgemeinschaft, gegen die seit zweieinhalb Jahrtausenden die Idee der offenen Gesellschaft steht und mit der sie zusammenstößt. Stimmen wir dieser Interpretation zu, sollten wir unsere Überlegungen zur tschechisch-deutschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt auch über einen tschechisch-deutschen Ausgleich oder eine Versöhnung, auf das Einvernehmen gründen, daß es, soll eine künftige Entwicklung zur endgültigen Aussöhnung führen, keine Alternative gibt als gemeinsam an einer offenen Gesellschaft zu bauen und gemeinsam für sie zu kämpfen gegen alle, die - allen schrecklichen Erfahrungen mit dem modernen Tribalismus zum Trotz - wieder die geistigen Früchte des Nationalismus zu verbreiten bestrebt sind. Feinde einer offenen Gesellschaft gibt es leider zu beiden Seiten unserer Grenze. Die von ihnen angestrebte Alternative muß am Ende immer zu einer Konfrontation führen und allen Beteiligten Leid zufügen. Der einzige Weg für die demokratische Tschechische Republik und das demokratische Deutschland - und nicht nur für diese beiden - besteht darin, sich nicht vor solchen Feinden zu fürchten und nicht zurückzuweichen. Auch Demokraten müssen ab und zu ausrufen können: "Es reicht!" 
 

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Wovon sollen wir ausgehen, wenn wir eine neue Beziehung zwischen unseren Völkern aufbauen wollen? Welchen Weg sollen wir gehen? 

Vor allem sollten wir versuchen, uns darauf zu einigen, welche Rolle eigentlich der Vergangenheit zukommt. Auf gar keinen Fall können wir sie vergessen. So, wie eine konsistente Persönlichkeit, die im Einklang mit sich selbst lebt und für sich selbst Verantwortung trägt, nicht ohne Kenntnis von ihrer Vergangenheit und Kontinuität und ohne verantwortungsvolle Einstellung dazu denkbar ist, so bleibt - natürlich in anderer Form - eine verantwortliche Gemeinschaft, ob sie sich nun auf nationaler oder auf politischer Ebene definiert, ohne ein solches Wissen ebensowenig vorstellbar. Wir müssen unsere Vergangenheit und unsere Geschichte kennen und uns unsere eigene Meinung darüber bilden. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir uns in unsere Geschichte zurückversetzen müßten, daß wir versuchen sollten, uns in unsere Vorfahren zu verwandeln, daß wir immer wieder die von ihnen erlebten Situationen nachstellen und die von ihnen angenommenen Haltungen übernehmen, uns immer wieder mit ihrem Leid quälen oder ob ihrer Erfolge gerührt sein und aus solchen Gefühlsregungen politische Konsequenzen ziehen müßten. Die Vergangenheit kann unser Programm nicht sein. Wollten wir uns permanent in sie hineinversetzen und uns existentiell mit ihr identifizieren, würden wir die Fähigkeit verlieren, sie aus der Distanz zu betrachten, verantwortlich über sie zu urteilen und Lehren daraus zu ziehen. Letzten Endes ist ein derart vollständiges Sichversetzen in die Vergangenheit nichts anderes als eine besondere Form der Wiederaufnahme der durch Stammesgefühl bestimmten Auffassung vom Volk als einer Einheit mit eigener "überhistorischer" kollektiver "Übersubjektivität". Wohin diese Auffassung am Ende führt, wissen wir nur zu gut: zu dem Prinzip einer Perpetuierung der Blutrache, wenn immer neue Generationen von Enkeln immer wieder die Enkel anderer für Verbrechen bestrafen, die die Großväter der letzteren an den Großvätern der ersteren begangen haben. 

Eine Übereinstimmung in dieser Angelegenheit könnte mehrere bedeutende Folgen zeitigen. Vor allem hieße dies, daß die Zeit der Entschuldigungen ihrem Ende entgegengeht und eine Zeit der sachlichen Suche nach Wahrheit kommt. Die Bedeutung der Worte, mit denen sich die Vertreter des demokratischen Deutschland bei allen Völkern sowie bei den eigenen Bürgern für das entschuldigt haben, was der Nationalsozialismus ihnen angetan hat, war groß und hat den Weg für ein neues Zusammenleben geebnet. Alles, was unsererseits über die Nachkriegs-Aussiedlung gesagt wurde, verfolgte dasselbe Ziel. Jetzt aber sind wir nach meinem Dafürhalten bereits weiter. Nunmehr bedarf es einer sachlichen, unvoreingenommene Analyse und der Fähigkeit, brauchbare Erkenntnisse daraus zu gewinnen. 

Kurzum, es ist erforderlich, ein für allemal klar zu sagen, was Geschichte ist und als Geschichte behandelt werden sollte. 

Unsere Zukunft liegt nun wirklich nicht in unserer Vergangenheit. Will man Vergangenes wieder zum Leben erwecken, so beschwört man auch all die Dämonen mit herauf, die in der Vergangenheit schlummern. Nicht dies ist der Weg, sondern etwas ganz anderes: sich darüber bewußt zu werden, wie gefährlich diese Dämonen sind. 

Eine solche Vorgehensweise zieht weitere praktische Folgen nach sich. Vom tschechischen Standpunkt aus gehört zu ihren bedeutenden und logischen Konsequenzen eine eindeutige Absage an alle Versuche, aus längst vergangenen, historischen Ereignissen oder Ungerechtigkeiten einen ganzen Komplex aktueller politischer oder rechtlicher Forderungen und Ansprüche herzuleiten, welche geradezu die Grundlage der Nachkriegsordnung in Europa in Frage stellen. Zwar sind die Stimmen, die derartige Versuche befürworten, nicht zahlreich und stellen bloß eine Randerscheinung dar; in der tschechischen Öffentlichkeit werden sie aber mit einer besonderen Empfindsamkeit wahrgenommen. Deswegen halte ich es für meine Pflicht, an dieser Stelle ganz klar zu sagen, daß die Tschechische Republik unmittelbarer Mit-Erbe der tschechoslowakischen Staatlichkeit ist, welche aus zwei verheerenden Kriegen geboren wurde, an deren Entfesselung die Tschechen keinen Anteil hatten. Unsere Republik wird deshalb niemals über eine Revision der Ergebnisse dieser Kriege verhandeln, sie wird keinerlei Eingriffe in die Kontinuität ihrer Rechtsordnung zulassen und auf keine Korrektur der Geschichte auf Kosten unserer Zeitgenossen eingehen. 

Wenn eine Schuld in Form einer Entschädigung der verbleibenden Opfer der Nazi-Willkür zu begleichen bleibt, so soll sie bezahlt werden. Aber keine Geldsumme in keiner Währung wird je all das wiedergutmachen, was wir oder unsere Vorfahren durch das Verschulden des Nationalsozialismus durchmachen mußten. Weder die Zehntausende zu Tode Gefolterter oder Ermordeter noch die moralischen, politischen und wirtschaftlichen Verluste lassen sich je ersetzen, die wir infolge von München, der Nazi-Okkupation, des Krieges und all seiner politischen Auswirkungen auf die Nachkriegszeit erlitten haben. Und wir sind nicht so töricht, den heutigen Generationen des demokratischen Deutschland Rechnungen für all jenes Unrecht aufzumachen, das einige von ihren Vätern, Großvätern oder Urgroßvätern vor vielen Jahren begangen haben, ebenso wie wir den Völkern der ehemaligen Sowjetunion für die in den Jahrzehnten des Kommunismus an unserem Land und an unseren Seelen angerichteten Schäden keine Rechnungen aufstellen. Und weil dies so ist, halten wir alle Versuche, in materieller oder anderer Form von uns Ersatz für die Nachkriegs-Aussiedlung zu verlangen, für um so absurder. Der Nationalsozialismus, München, der Krieg und all seine bitteren Früchte gehören in die Geschichte, und das einzige, was wir tun können und auch tun wollen, ist uns bemühen, diese Geschichte zu begreifen und alles dafür zu tun, daß sie sich nie mehr wiederholt. Vertreter des demokratischen Deutschland haben bereits vor langer Zeit die deutsche Schuld für den Nationalsozialismus angesprochen, ohne Unmögliches - das heißt ein Zurückdrehen der Geschichte irgendwohin vor dem Zweiten Weltkrieg - zu versuchen. Auch wir haben versucht, unseren Teil der Verantwortung für all das Ungute, was nach dem Krieg geschehen ist, zu beschreiben, aber auch wir haben nicht die geringste Absicht, die Geschichte zurückzudrehen, unsere vor langer Zeit durch das Parlament legitim angenommenen Rechtsakte - über die die nachfolgende Geschichte bereits Berge ganz anderer Akte aufgehäuft hat - aufzuheben, neue Stürme im Bereich der Eigentumsverhältnisse ausbrechen zu lassen und dadurch all den bösen Geistern aus der Vergangenheit den Weg zu ebnen. Die Vergangenheit werden wir nie ändern können, und weder der Dreißigjährige Krieg noch der erste und der Zweite Weltkrieg noch die Konsequenzen des letzteren lassen sich aus unserem historischen Gedächtnis löschen. Die Wahrheit über all diese Geschehnisse zu sagen, ist jedoch unsere Pflicht gegenüber der Welt sowie uns selbst gegenüber; dies ist von grundlegender Bedeutung für die Hygiene unserer Nation und unseres Staates. Was die Aussiedlung betrifft, so müssen wir auch die unangenehme Wahrheit zugeben und dabei keine Rücksicht darauf walten lassen, welche verrückten Folgerungen jemand aus unseren Worten ziehen mag. Unsere Selbstreflexion ist nämlich ein weiterer, noch konsequenterer Schritt auf dem Wege einer Absage an die Prinzipien, welche all den heutigen Feinden der offenen Gesellschaft als Grundlage dienen, wenn sie versuchen, durch die Anmeldung ihrer Ansprüche das teuflische Rad einer nie enden wollenden, von Stammesgefühl ausgehenden Abrechnung wieder in Bewegung zu setzen. 

Diejenigen, die aus unserem Land einst vertrieben oder ausgesiedelt wurden, sowie deren Nachkommen sind bei uns willkommen, genau wie alle Deutschen hier willkommen sind. Sie sind willkommen als Gäste, die das Land in Ehren halten, in dem Generationen ihrer Vorfahren gelebt haben, die die Stätten betreuen, an die sie sich gebunden fühlen, und als Freunde mit unseren Bürgern zusammenarbeiten. Vielleicht trennt uns keine große Entfernung mehr von den Tagen, wenn Tschechen und Deutsche - nachdem sie sich in dem nach innen offenen Raum der Europäischen Union zusammengefunden haben - in der Lage sind, sich ohne Hindernisse überall auf deren Gebiet niederzulassen und an dem Aufbau ihres so erwählten Heimatortes teilzunehmen. Ein gutes Verhältnis unter Völkern, und daher auch unsere Versöhnung, kann nur der Zusammenarbeit freier Bürger entspringen, die der Versuchung widerstehen, sich unter kollektiven Bannern zu scharen und in deren Schatten die Geister der Stammesfehden wieder heraufzubeschwören. So wie die Zeit der Entschuldigungen und der Aufstellung von Rechnungen für die Vergangenheit enden und die Zeit einer sachlichen Debatte über sie beginnen sollte, so muß auch die Zeit der Monologe und einsamer Aufrufe enden und durch eine Zeit des Dialogs abgelöst werden. Der Dialog hat ja schon lange begonnen - unter Bürgern, lokalen Selbstverwaltungsbehörden, Historikern und sogar unter Politikern. Ich bin ein Befürworter seiner ständigen Erweiterung und Vertiefung. Es muß jedoch ein wirklicher Dialog sein. Das heißt, daß wir Informationen, Erfahrungen, Kenntnisse, Analysen, Anregungen und Programme austauschen, sie vergleichen, Einklang suchen und all das Gute in die Tat umsetzen, worauf wir uns einigen, ohne daß sich entweder der eine oder der andere - nicht einmal andeutungsweise - als Geisel des anderen oder als Geisel unserer unheilvollen Geschichte fühlt. 

Mit anderen Worten, die Zeit der Konfrontation muß ein für allemal zu Ende gehen, und eine Zeit der Kooperation muß beginnen. Je eindeutiger sich die Beteiligten auf beiden Seiten zu der Idee des Bürgerstaates und der Bürgergesellschaft bekennen, desto besser wird ihre Zusammenarbeit gedeihen. Deutschland hat einen großen Vorsprung. Nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, sondern auch deshalb, weil es - wenigstens in seinem westlichen Teil - jahrelang in Freiheit leben und einen liberalen, demokratischen, auf all den zeiterprobten Werten der westlichen Zivilisation beruhenden Staat aufbauen konnte, der wahrhaft europäisch orientiert ist. Das heißt, er verfolgt das Ideal Europas als Ideal eines politischen Organismus, der sich nach dem Prinzip der Gleichheit der Großen und der Kleinen und deren gleichberechtigter Zusammenarbeit richtet, einer Zusammenarbeit in Frieden und im Sinne der gemeinsam empfundenen Achtung vor den Rechten und Freiheiten des Menschen, vor Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, den Regeln der Marktwirtschaft und der Idee der Bürgergesellschaft. In der Tschechischen Republik blieb die Zeit lange stehen; das bedeutet aber nicht, daß wir das Versäumte nicht schnell aufholen könnten, insbesondere wenn wir uns auf das Potential der positiven Traditionen aus der Vorkriegszeit stützen, die, wie man sieht, nicht einmal siebenundfünfzig Jahre ganz haben tilgen können. Die Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit sind also gegeben. Und sollten störende Töne, Stimmen oder Gefühle zum Vorschein kommen, ist es erforderlich, dagegen auf beiden Seiten viel energischer aufzutreten, als das bisher der Fall war. Auf der deutschen Seite sind es Stimmen, glücklicherweise vereinzelt und isoliert, die versuchen, die geistigen Quellen der einstigen deutschen Katastrophe zu rehabilitieren, Stimmen heimlicher Nostalgiker, die sich an den Gedanken klammern, der Nationalstaat sei der Höhepunkt menschlichen Strebens, und die sich von dem Glauben an eine besondere deutsche Sendung nicht loslösen können, welche Deutschland berechtigen soll, die anderen so zu betrachten, als sei es ihnen übergeordnet. Auf der tschechischen Seite gibt es hingegen eine seltsame, durchaus provinzielle Kombination aus Angst vor den Deutschen und Servilität ihnen gegenüber; hinzu kommt bei manchen die Unfähigkeit, sich aus der Zwangsjacke der in der Gesellschaft so lange gehegten Vorurteile zu befreien. Dann und wann scheint mir, als ob der für die Zeit unmittelbar nach dem Krieg charakteristische Gemütszustand bei uns erhalten geblieben sei und auf eine seltsame Weise durch das Gefühl ausgeglichen würde, man solle aus den Deutschen "wenigstens etwas herausholen". So begegnen wir mitunter Menschen, die ihre Umgebung - im Sinne der kommunistischen Propaganda - mit Reden über die deutsche Gefahr schrecken und gleichzeitig an ihren Häusern "Zimmer frei"-Schilder aufgehängt haben und sogar von Tschechen die Miete in D-Mark kassieren. Auf der einen Seite also wortgewaltige, von nationalistischer Verblendung und Fremdenhaß gekennzeichnete Aufrufe, auf der anderen ein totales Fehlen von elementarem Bürgerstolz. 

Wieder ist es das gleiche: das Bedürfnis, den kommunistischen Kollektivismus durch einen nationalen Kollektivismus zu ersetzen, die eigene, individuelle bürgerliche Verantwortung abzuschütteln und in der Anonymität einer Meute unterzutauchen, die alle anbellt, die nicht dazu gehören, ist eine Spielart der Erscheinungen, die systematisch bekämpft gehören. Die zeitweilig auftretenden Zeichen unterbewußten Glaubens an eine unfehlbare Stimme des Blutes, des Schicksals, der Vorsehung und der Volksmythen sowie an ein Recht, das Unmögliche, das heißt eine Revision der Geschichte, die als eine Serie fortwährenden Unrechts an dem eigenen Stamm betrachtet wird, zu fordern, sie sind nur eine andere Variante desselben Irrglaubens. 

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Meine Damen und Herren, nachdem ich die verschiedenen Gefahren geschildert habe, die am Wege zu einer guten tschechisch-deutschen Zukunft lauern, nachdem ich diejenigen beschrieben habe, die - vielleicht, ohne sich dessen bewußt zu sein - einer solchen Zukunft feindlich gegenüberstehen, gestatten Sie mir, ein Bekenntnis meines Optimismus abzulegen. 

Ich glaube an das demokratische, liberale und europäische Deutschland. Ich glaube an das Deutschland eines Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, Ludwig Erhard, Willy Brandt und Richard von Weizsäcker. Ich glaube an die Millionen deutscher Demokraten. Ich glaube an Deutschlands aufrichtiges Bestreben, den auf der Allgemeingültigkeit der Grundwerte der euro-amerikanischen Zivilisation beruhenden Prozeß der europäischen Vereinigung weiterzuentwickeln und zu vertiefen; ich glaube an Deutschlands Engagement dafür, daß Europa zu einem Kontinent des Friedens, der Freiheit, Zusammenarbeit, Sicherheit und gerechter Verhältnisse unter all seinen Staaten, Völkern und Regionen wird. Demnach glaube ich auch an Deutschlands aufrichtige Bereitschaft, eine rasche Eingliederung Zentraleuropas in das Nordatlantische Bündnis sowie in die Europäische Union zu unterstützen. Ich glaube einfach an Deutschlands Bereitschaft, ein einflußreicher Mitgestalter des sich zusammenschließenden Europas zu sein und dementsprechend seine freundschaftlichen Beziehungen zu Polen, der Tschechischen Republik und anderen neuen Demokratien positiv auf eine neue Grundlage zu stellen, so wie es einst seine Beziehungen zu Frankreich, Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Dänemark neu zu gestalten vermochte. 

Mit diesem Glauben stehe ich unter meinen Mitbürgen nicht allein. Die eindeutige Unterstützung, die unser Staat von Anfang an vorbehaltlos und ohne Argwohn der demokratischen Wiedervereinigung Deutschlands entgegengebracht hat, ist Beweis dafür. Bereits als Dissidenten behaupteten einige von uns - und stießen dabei oft auch bei manchen Deutschen auf Unverständnis - daß es ein vereintes Europa ohne ein vereintes Deutschland nicht geben könne und daß der eiserne Vorhang erst fallen würde, nachdem die Berliner Mauer gefallen sei. 

Ich glaube auch an die positive Entwicklung der demokratischen Tschechischen Republik; ich glaube, daß sie das traurige Erbe des Kommunismus sowie der früheren historischen Traumata schnell bewältigen und allmählich zu einem vollwertigen und verantwortungsbewußten Mitglied der Familie der europäischen Demokratien werden wird. 

Ich glaube, daß schon in diesem Jahr manches getan werden kann, das das Vertrauen zwischen unseren Ländern und Völkern vertieft, das die Hindernisse und Hemmungen abbauen hilft, die unsere Beziehung belasten, das dazu beiträgt, daß all die Schichten von Vorurteilen, Irrglauben, Illusionen und Verdächtigungen, mit welchen wir uns auseinanderzusetzen haben, aus dem Wege geräumt werden. Ich glaube, daß wir es schaffen, auf dem guten Fundament weiter aufzubauen, das wir für unser Zusammenleben nach 1989 gelegt haben, daß wir von den durch unseren zwischenstaatlichen Vertrag gebotenen Möglichkeiten Gebrauch machen und mit neuer Kraft und auf allen Ebenen die begonnene Zusammenarbeit weiter entwickeln werden. 

Ich glaube, daß das gemeinsame Engagement für jene Grundwerte der Zivilisation, auf denen das Europa von heute aufbaut, uns diese Arbeit erleichtern wird, und daß wir in uns genügend Mut finden, um all jenen die Stirn zu bieten, deren Politik sich in eine unheilvolle Vergangenheit zurückorientiert und dementsprechend einen dicken Strich durch unsere positive Zukunft ziehen möchte. 

Ich glaube an die Macht der Wahrheit und des guten Willens als Hauptquellen unseres gegenseitigen Verständnisses. 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. 

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Stand der letzten Bearbeitung: 20.09.2003 Home