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Rede des Präsidenten
der
Tschechischen Republik, Václav Havel, zum
tschechisch-deutschen Verhältnis, gehalten am 17. Februar
1995 im
Karolinum zu Prag
Tschechen
und Deutsche auf dem Weg zu einer guten Nachbarschaft
Am
17. Februar 1995 hielt der Präsident der Tschechischen Republik, Václav
Havel, im Karolinum der Karls-Universität zu Prag eine vielbeachtete
Rede, die das deutsch-tschechische Verhältnis zum Thema hatte. Die
folgende Textdokumentation basiert auf der offiziellen deutschen
Übersetzung, die offenkundig von einer Person nichtdeutscher
Muttersprache erstellt wurde und nicht in allen Fällen der Bedeutung
des Themas oder gar den anerkannten rhetorischen Qualitäten des
tschechischen Präsidenten ganz gerecht wird. Diese Übersetzung wurde
unter Benutzung des tschechischen Originaltextes von einem
ausgebildeten Übersetzer deutscher Muttersprache einer behutsamen,
inhaltsneutralen und rein stilistischen Redaktion unterzogen. Der so
entstandene deutsche Wortlaut der Rede Präsident Havels ist nachstehend
wiedergegeben:
Magnifizenz,
meine Damen und Herren,
unsere Generationen leben in einer Zeit, die man möglicherweise einmal
als Zeit einer großen geschichtlichen Wende, eines Umbruchs ansehen
wird. Es ist eine Zeit, in der eine neue internationale Ordnung mühsam
zur Welt kommt, in der viele Staaten aufs neue ihren Charakter, ihre
Identität und ihren Platz im internationalen Geschehen suchen, in der
auf unserer Erde sogar eine Suche nach einem neuen Geist im
Zusammenleben von Menschen, Völkern, Kulturen und ganzen
Zivilisationskreisen vonstatten geht. Man kann sagen, daß wir an einem
Scheideweg angelangt sind und uns einer großen Herausforderung
gegenübersehen. Unvermeidlich wird die Gegenwart auch zur Zeit erneuter
Reflexion - einschließlich des Zurückdenkens an die Geschichte - und
neuen Bilanzziehens.
Zweiten
Weltkrieges dazu auffordert, darüber nachzudenken, welche
Schlußfolgerungen wir jetzt - mit zeitlichem Abstand - aus jenem Krieg,
dem furchtbarsten in der Geschichte der Menschheit, ziehen können. Es
geht auch nicht lediglich darum, daß der fünfte Jahrestag des Falls der
Berliner Mauer und des Endes des Kalten Krieges und der bipolaren
Teilung der Welt uns zu der Überlegung veranlaßt, was die jüngsten
Ereignisse gebracht haben, was sie bedeuten und vor welche Aufgaben sie
uns stellen. Es geht um mehr: Wir müssen alle diese Geschehnisses in
ihren breiteren und tieferen geschichtlichen Kontext stellen und die
Herausforderung unserer Zeit vor dem Hintergrund ihrer grundlegenden
Reflexion zu formulieren suchen.
Hierzu
möchte ich mit einigen Bemerkungen zu den tschechisch-deutschen
Beziehungen beitragen. Es ist mir eine Freude, dies an einem Ort tun zu
können, der die jahrhundertealte intellektuelle Koexistenz von
Tschechen und Deutschen so deutlich in Erinnerung ruft, wie dies
anderswo kaum möglich wäre: auf dem akademischen Boden der
Karls-Universität.
Für
uns bedeutet das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen mehr als
bloß eines von vielen Themen unserer Diplomatie. Es ist Teil unseres
Schicksals, sogar Teil unserer Identität. Deutschland ist unsere
Inspiration wie unser Schmerz, eine Quelle von verständlichen Traumata,
von mancherlei Vorurteilen und Irrglauben sowie von Maßstäben, auf die
wir uns beziehen; einige sehen Deutschland als unsere größte Hoffnung,
andere als unsere größte Gefahr. Man kann sagen, daß sich die Tschechen
durch ihre Einstellung Deutschland und den Deutschen gegenüber sowohl
politisch als auch philosophisch definieren, und daß sie durch die Art
dieser Einstellung nicht nur ihr Verhältnis zur eigenen Geschichte,
sondern auch den eigentlichen Typ ihres nationalen und staatlichen
Selbstverständnisses bestimmen. Für die Deutschen ist das Verhältnis zu
den Tschechen verständlicherweise nicht von einer derart fundamentalen
Bedeutung, jedoch ist es für sie wichtiger, als mancher von ihnen
vermutlich zugeben würde: traditionell ist es einer der Tests, der auch
den Deutschen ihr Selbstverständnis enthüllt. Mehrere Male ist ja
Deutschlands Beziehung zu uns ein wahres Spiegelbild seiner Beziehung
zu Europa gewesen! Gerade in jener Zeit, in der auch das neu vereinte
Deutschland seine neue Identität und seine neue Stellung in Europa und
in der Welt sucht, ist dieses Verhältnis um so bedeutsamer.
Was
bedeutet das nun für uns? Nicht mehr und nicht weniger als eine
Aufforderung, über das tschechisch-deutsche Thema öffentlich, offen und
sachlich zu sprechen, wohl wissend, daß wir, indem wir dies tun, über
uns selber sprechen.
*
* *
Erst
in der jüngeren Vergangenheit, das heißt in den letzten beiden
Jahrhunderten, hat das tschechisch-deutsche oder deutsch-tschechische
Verhältnis seine dramatische, mitunter fast peinigende Gestalt
angenommen, als es zunehmend von der nationalen Dimension oder vom
nationalen Gehalt geprägt wurde. Durch diese moderne Erfahrung wird oft
die Tatsache verdeckt oder überschattet, daß es in der früheren
Geschichte eine viel längere Erfahrung gegeben hatte, die
gekennzeichnet ist von einer besonderen Art schöpferischen
Zusammenlebens von Tschechen und Deutschen in einem
Staatsgebilde.
Selbstverständlich
war das Zusammenleben auch damals nicht immer einfach oder idyllisch,
doch ging es bei den verschiedensten Konfrontationen, die später als
rein nationale Konfrontationen hingestellt wurden, in Wahrheit um ganz
andere Dinge als darum, wer welchem Volk angehörte. Jene
Auseinandersetzungen drehten sich um Religion, um Ideen oder
Ideologien, um Macht, um soziale oder andere Fragen, und obwohl es in
einigen Fällen auch eine Rolle spielte, woher die Beteiligten stammten
oder welche Sprache sie sprachen, trat die unterschiedliche nationale
Gesinnung in dem Sinne, wie wir sie heute verstehen, nicht als
Beweggrund auf. Jahrhundertelang haben sich hier die beiden Elemente
und auch noch das jüdische Element in vielerlei Hinsicht miteinander
vermischt, haben einander inspiriert und beeinflußt, so daß man gar von
einer Art Symbiose sprechen kann. Die verschiedensten Zusammenstöße
haben diese Koexistenz weder gefährdet noch deren Ende signalisiert; im
Gegenteil, sie haben ihre Geschichte mitgestaltet und mehr als einmal
sogar stimulierend auf die politischen und kulturellen Leistungen der
gesamten in unserem Lande lebenden Gemeinschaft gewirkt. Diese
spezifische Gemeinschaft stellte de facto das wahre Subjekt der
böhmischen Geschichte dar, wenn auch die tschechische Bevölkerung immer
die Mehrheit unter den Einwohnern hatte. Auch die internationale
Stellung des Königreichs Böhmen hat sich letztlich lange Zeit von dem
unterschieden, was der gegenwärtigen Stellung eines Nationalstaates
entsprechen würde: es handelte sich um ein besonderes, einflußreiches
Gebilde innerhalb eines universalistisch aufgefaßten Heiligen Römischen
Reiches, wobei für die Bedeutung dieses Gebildes nicht die Anzahl der
Angehörigen seines Mehrheitsvolkes, sondern ganz andere historische
Grunde ausschlaggebend waren. Unter letzteren spielte zweifelsohne
seine - wie man es heute nennen würde - multikulturelle Natur eine
Rolle. Die bedeutende Stellung der böhmischen Könige im
Kurfürstenkollegium ist ein sprechender Beweis dafür.
Der
einzigartige Verlauf des beinahe tausendjährigen Zusammenlebens von
Tschechen und Deutschen in unserem Lande bleibt, obgleich es während
der letzten beiden Jahrhunderte immer schwieriger wurde und schließlich
ein Ende fand, ein integraler Bestandteil unserer Geschichte und
dadurch auch unserer heutigen Identität als Bürger der Tschechischen
Republik und stellt einen Wert dar, den wir nicht vergessen dürfen.
Unter anderem auch deswegen nicht, weil es - mit ein klein wenig
Übertreibung gesagt - ein sehr moderner Wert ist, der auch bei der
Gestaltung der neuen tschechisch-deutschen Beziehung Vorbildfunktion
haben kann.
*
* *
Über
die Epoche des immer dramatischer werdenden Verhältnisses zwischen
Tschechen und Deutschen in unserem Lande, wie es sich seit Beginn des
vorigen Jahrhunderts infolge des fortschreitenden Nationalbewußtwerdens
im modernen Wortsinn entwickelte, sind schon Bände geschrieben worden.
Ich will mich deshalb darauf beschränken, einige wenige allgemeine
Fakten zusammenzufassen, die meiner Meinung nach außer Zweifel stehen
und die, wie es scheint, heutzutage von der tschechischen Seite erneut
betont werden sollten.
Erstens.
Wenn zuweilen jemand behauptet, daß die Tschechoslowakische Republik -
als Ergebnis des Selbstbewußtwerdens und Selbstbefreiungsstrebens der
Tschechen und der Slowaken und als Produkt des Versailler Friedens -
ein Irrtum und mithin die Ursache der späteren Katastrophen gewesen
sei, so verrät er bloß seine eigene Unkenntnis. Die Entstehung der
Republik ist nicht nur auf den Realismus zurückzuführen, welcher den
Bestrebungen der Tschechen und Slowaken Rechnung trug, ihre
Eigenständigkeit zu entfalten, sich von der Vorherrschaft der
österreichisch-ungarischen Monarchie zu befreien, die ihnen keine
angemessene Stellung bot, und ihre neue, lebensfähige staatliche
Existenz auf ihre Verbindung in einem Staat zu bauen. Nicht minder
wichtig, wenn nicht sogar wichtiger war die Tatsache, daß hier mit
Vorbedacht ein moderner, demokratischer, liberaler Staat gegründet
wurde, der auf denjenigen Werten beruhte, zu denen sich jetzt das
gesamte demokratische Europa bekennt und in welchem es seine Zukunft
erblickt. Die Gründer dieses Staates nahmen an, daß er sich - vor dem
Hintergrund einer Situation, die sich sowohl innen- als auch
außenpolitisch stabilisierte - zu einem wahren Staat seiner Bürger
entwickeln und sich auf die schöpferische Zusammenarbeit all seiner
Bewohner und auf den Respekt der einen für die nationale
Eigenständigkeit der anderen stützen würde. Die Tschechoslowakische
Republik hatte natürlich auch ihre Mängel - beispielsweise brachte sie
nie eine völlig zufriedenstellende Lösung ihrer Nationalitätenprobleme
zuwege. Die Ursache dieser Mängel lag jedoch nicht in den Werten, die
ihr in die Wiege gelegt worden waren und die ihr den Weg wiesen,
sondern in der Unfähigkeit einiger politischer Kräfte, großzügig und im
Geiste jener Werte kleine interne Probleme zu bewältigen, bevor sie von
Feinden der Freiheit zu großen externen Problemen gemacht werden
konnten. All dies ist bekannt und ist beschrieben worden, es ändert
jedoch nichts an der Tatsache, daß die Tschechoslowakei - zusammen mit
Frankreich, den heutigen Benelux-Ländern, der Schweiz und den Staaten
Skandinaviens - zu den wenigen wahrhaft demokratischen und in
geordneten Verhältnissen lebenden Staaten des kontinentalen Europas
gehörte. Dies wurde auch von Persönlichkeiten wie Thomas Mann bezeugt,
dem die Tschechoslowakei - ebenso wie Tausenden anderer deutscher
Demokraten - nach Hitlers Machtergreifung Asyl gewährte. Wenn sich die
Tschechische Republik zur Kontinuität mit dem tschechoslowakischen
Staat bekennt, so ist das doch ein unzweideutig positives
Element.
Zweitens.
Es wäre eine gefährliche Vereinfachung, wollte man das tragische Ende
des tausendjährigen Zusammenlebens der Tschechen mit den Deutschen
ausschließlich in der Aussiedlung der Deutschen nach dem Kriege
erblicken. Ohne Zweifel verkörperte die Aussiedlung das physische Ende
dieses Zusammenlebens in einem gemeinsamen Staat, ging doch dadurch das
Zusammenleben in der Tat zu Ende. Der tödliche Schlag, der dieses Ende
verursachte, wurde ihm jedoch durch etwas anderes versetzt, und zwar
durch ein fatales Versagen eines großen Teils unserer Bürger deutscher
Nationalität, die Diktatur, Konfrontation und Gewalt, wie sie in
Hitlers Nationalsozialismus verkörpert waren, den Vorzug vor
Demokratie, Dialog und Toleranz gaben. Während sie sich auf ihr Recht
auf Heimat beriefen, sagten sie sich in Wirklichkeit von ihrer Heimat
los. Dadurch negierten sie unter anderem die herausragenden Leistungen
zahlreicher deutscher Demokraten, die die Tschechoslowakei als ihre
Heimat mit gestaltet hatten. So mängelbehaftet die Lösung der
Nationalitätenfrage in der Vorkriegs-Tschechoslowakei auch gewesen sein
mag, dieses Versagen kann sie nie rechtfertigen. Die es begingen,
stellten sich nicht nur gegen ihre Mitbürger, gegen die
Tschechoslowakei als Staat und gegen ihr eigenes Bürgerrecht in diesem
Staat, sondern auch gegen die Grundlagen der Menschlichkeit. Sie nahmen
eine perverse rassistische Ideologie an und begannen auch gleich mit
deren praktischer Anwendung. Es ist großartig, daß viele Nachkommen
unserer ehemaligen Mitbürger deutscher Nationalität dies begriffen
haben und sich heute selbstlos und geduldig für die Versöhnung zwischen
unseren beiden Völkern einsetzen. Über die Nachkriegs-Aussiedlung
können wir unterschiedlicher Ansicht sein - meine eigene kritische
Haltung ist allgemein bekannt - wir können sie jedoch nicht aus dem
geschichtlichen Zusammenhang herauslösen. Wir können sie nicht getrennt
betrachten von all dem Schrecken, der sich zuvor abgespielt hat und der
ihre Ursache ist. Bis vor kurzem habe ich dies für derart
selbstverständlich gehalten, daß ich keinen Bedarf verspürte, es wieder
und wieder zu betonen; heute aber muß ich es klar zum Ausdruck bringen,
weil sich in Deutschland Menschen wieder zu Worte melden, die dies
alles ignorieren oder sogar in Frage stellen. Ich habe ja bereits
mehrfach gesagt, daß das Böse ansteckend ist und daß das Böse der
Aussiedlung nur eine traurige Folge des ihr vorangegangenen Bösen war.
Darüber, wer als erster den Geist wirklich nationenbezogenen Hasses aus
der Flasche gelassen hat, kann kein Zweifel bestehen. Und wenn wir -
als Tschechen - unseren Teil der Verantwortung für das Ende des
tschechisch-deutschen Zusammenlebens in den böhmischen Ländern
anerkennen sollen, dann müssen wir der Wahrheit halber auch sagen, daß
wir uns zwar von dem heimtückischen Virus der ethnischen Auffassung von
Schuld und Sühne haben anstecken lassen, daß wir dieses Virus jedoch
nicht - wenigstens nicht in seiner modernen, verheerenden Form - in
unser Land gebracht haben.
Drittens.
Meine dritte Bemerkung zum Thema Ende des tschechisch-deutschen
Zusammenlebens bezieht sich auf das Münchener Abkommen. Ich bin nicht
sicher, ob es einigen, insbesondere auf deutscher Seite, hinreichend
bewußt ist, daß München nicht bloß eine ungerechte Lösung einer
strittigen Minderheitenfrage, sondern die letzte und in gewisser
Hinsicht ausschlaggebende Konfrontation der Demokratie mit der
Nazi-Diktatur war. Damals hat die Demokratie vor der Diktatur
kapituliert und ihr dadurch den Weg zu jenem unerhörten Anschlag auf
all die grundlegenden Werte der Zivilisation, sogar auf das eigentliche
Wesen menschlichen Zusammenlebens geöffnet, wohl dem schwersten
derartigen Schlag, der in der Geschichte geführt wurde. Für Hitler war
München der letzte Test für die Stärke der Demokratie und ihre
Fähigkeit, sich zu verteidigen. Die Münchener Kapitulation der
Demokraten verstand er als Signal, daß es ihm freistünde, den Krieg zu
entfesseln. Er hat sich gewaltig verkalkuliert, und die Demokratie hat
sich schließlich behauptet, aber nur unter unermeßlichen Opfern, die
sie höchstwahrscheinlich nicht hätte bringen müssen, wenn sie sich
nicht der Illusion des appeasement hingegeben, wenn sie es
fertiggebracht hätte, Hitler in der Münchener Krise Widerstand
entgegenzusetzen. Auch hier hat die Angelegenheit wieder zwei Seiten,
die es auseinanderzuhalten gilt: Während im militärischen Sinne der
Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, nahm er seinen Anfang
politisch ohne Zweifel mit dem Diktat von München. Hat ein großer
deutscher Politiker nicht schon vor Jahren gesagt, daß München den
Punkt darstellt, jenseits dessen es in den Abgrund ging? Die Mitwirkung
so vieler unserer damaligen deutschen Mitbürger an der Vorbereitung
Münchens sowie an dem, was folgte, kann daher nicht auf einen Kampf für
ihre Minderheitenrechte reduziert werden. Damals ging es weder um die
böhmischen Deutschen noch allein um eine Verstümmelung der
Tschechoslowakei als Vorspiel zu deren späterer Okkupation. Damals
wurde ganz unzweideutig und auf internationaler Ebene der menschlichen
Freiheit und Würde der Kampf angesagt. Waren die deutschen Nazi-Gegner
nicht die ersten, an denen sich die Nazis in Böhmen rächten? Für manche
Deutschen, insbesondere für diejenigen, die von der Aussiedlung
betroffen wurden, mag es vielleicht bis heute nicht einfach sein, dies
zuzugeben, ebensowenig wie es für manche Tschechen, die dazu noch durch
die Jahrzehnte der Unfreiheit, während derer dieses Thema tabu war,
gehandikapt sind, einfach ist zuzugeben, welchen Schaden sie der
Demokratie und somit auch sich selber dadurch zugefügt haben, daß sie
nach dem Krieg den Gedanken der Vertreibung der Deutschen aus ihrer
Heimat aufgriffen.
Viertens.
Über den Nationalsozialismus ist einmal geschrieben worden, er sei eine
der schrecklichsten Äußerungen der auf Stammeszugehörigkeit gegründeten
Auffassung vom Staat als einer Blutsgemeinschaft, gegen die seit
zweieinhalb Jahrtausenden die Idee der offenen Gesellschaft steht und
mit der sie zusammenstößt. Stimmen wir dieser Interpretation zu,
sollten wir unsere Überlegungen zur tschechisch-deutschen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt auch über einen
tschechisch-deutschen Ausgleich oder eine Versöhnung, auf das
Einvernehmen gründen, daß es, soll eine künftige Entwicklung zur
endgültigen Aussöhnung führen, keine Alternative gibt als gemeinsam an
einer offenen Gesellschaft zu bauen und gemeinsam für sie zu kämpfen
gegen alle, die - allen schrecklichen Erfahrungen mit dem modernen
Tribalismus zum Trotz - wieder die geistigen Früchte des Nationalismus
zu verbreiten bestrebt sind. Feinde einer offenen Gesellschaft gibt es
leider zu beiden Seiten unserer Grenze. Die von ihnen angestrebte
Alternative muß am Ende immer zu einer Konfrontation führen und allen
Beteiligten Leid zufügen. Der einzige Weg für die demokratische
Tschechische Republik und das demokratische Deutschland - und nicht nur
für diese beiden - besteht darin, sich nicht vor solchen Feinden zu
fürchten und nicht zurückzuweichen. Auch Demokraten müssen ab und zu
ausrufen können: "Es reicht!"
*
* *
Wovon
sollen wir ausgehen, wenn wir eine neue Beziehung zwischen unseren
Völkern aufbauen wollen? Welchen Weg sollen wir gehen?
Vor
allem sollten wir versuchen, uns darauf zu einigen, welche Rolle
eigentlich der Vergangenheit zukommt. Auf gar keinen Fall können wir
sie vergessen. So, wie eine konsistente Persönlichkeit, die im Einklang
mit sich selbst lebt und für sich selbst Verantwortung trägt, nicht
ohne Kenntnis von ihrer Vergangenheit und Kontinuität und ohne
verantwortungsvolle Einstellung dazu denkbar ist, so bleibt - natürlich
in anderer Form - eine verantwortliche Gemeinschaft, ob sie sich nun
auf nationaler oder auf politischer Ebene definiert, ohne ein solches
Wissen ebensowenig vorstellbar. Wir müssen unsere Vergangenheit und
unsere Geschichte kennen und uns unsere eigene Meinung darüber bilden.
Das bedeutet jedoch nicht, daß wir uns in unsere Geschichte
zurückversetzen müßten, daß wir versuchen sollten, uns in unsere
Vorfahren zu verwandeln, daß wir immer wieder die von ihnen erlebten
Situationen nachstellen und die von ihnen angenommenen Haltungen
übernehmen, uns immer wieder mit ihrem Leid quälen oder ob ihrer
Erfolge gerührt sein und aus solchen Gefühlsregungen politische
Konsequenzen ziehen müßten. Die Vergangenheit kann unser Programm nicht
sein. Wollten wir uns permanent in sie hineinversetzen und uns
existentiell mit ihr identifizieren, würden wir die Fähigkeit
verlieren, sie aus der Distanz zu betrachten, verantwortlich über sie
zu urteilen und Lehren daraus zu ziehen. Letzten Endes ist ein derart
vollständiges Sichversetzen in die Vergangenheit nichts anderes als
eine besondere Form der Wiederaufnahme der durch Stammesgefühl
bestimmten Auffassung vom Volk als einer Einheit mit eigener
"überhistorischer" kollektiver "Übersubjektivität". Wohin diese
Auffassung am Ende führt, wissen wir nur zu gut: zu dem Prinzip einer
Perpetuierung der Blutrache, wenn immer neue Generationen von Enkeln
immer wieder die Enkel anderer für Verbrechen bestrafen, die die
Großväter der letzteren an den Großvätern der ersteren begangen
haben.
Eine
Übereinstimmung in dieser Angelegenheit könnte mehrere bedeutende
Folgen zeitigen. Vor allem hieße dies, daß die Zeit der
Entschuldigungen ihrem Ende entgegengeht und eine Zeit der sachlichen
Suche nach Wahrheit kommt. Die Bedeutung der Worte, mit denen sich die
Vertreter des demokratischen Deutschland bei allen Völkern sowie bei
den eigenen Bürgern für das entschuldigt haben, was der
Nationalsozialismus ihnen angetan hat, war groß und hat den Weg für ein
neues Zusammenleben geebnet. Alles, was unsererseits über die
Nachkriegs-Aussiedlung gesagt wurde, verfolgte dasselbe Ziel. Jetzt
aber sind wir nach meinem Dafürhalten bereits weiter. Nunmehr bedarf es
einer sachlichen, unvoreingenommene Analyse und der Fähigkeit,
brauchbare Erkenntnisse daraus zu gewinnen.
Kurzum,
es ist erforderlich, ein für allemal klar zu sagen, was Geschichte ist
und als Geschichte behandelt werden sollte.
Unsere
Zukunft liegt nun wirklich nicht in unserer Vergangenheit. Will man
Vergangenes wieder zum Leben erwecken, so beschwört man auch all die
Dämonen mit herauf, die in der Vergangenheit schlummern. Nicht dies ist
der Weg, sondern etwas ganz anderes: sich darüber bewußt zu werden, wie
gefährlich diese Dämonen sind.
Eine
solche Vorgehensweise zieht weitere praktische Folgen nach sich. Vom
tschechischen Standpunkt aus gehört zu ihren bedeutenden und logischen
Konsequenzen eine eindeutige Absage an alle Versuche, aus längst
vergangenen, historischen Ereignissen oder Ungerechtigkeiten einen
ganzen Komplex aktueller politischer oder rechtlicher Forderungen und
Ansprüche herzuleiten, welche geradezu die Grundlage der
Nachkriegsordnung in Europa in Frage stellen. Zwar sind die Stimmen,
die derartige Versuche befürworten, nicht zahlreich und stellen bloß
eine Randerscheinung dar; in der tschechischen Öffentlichkeit werden
sie aber mit einer besonderen Empfindsamkeit wahrgenommen. Deswegen
halte ich es für meine Pflicht, an dieser Stelle ganz klar zu sagen,
daß die Tschechische Republik unmittelbarer Mit-Erbe der
tschechoslowakischen Staatlichkeit ist, welche aus zwei verheerenden
Kriegen geboren wurde, an deren Entfesselung die Tschechen keinen
Anteil hatten. Unsere Republik wird deshalb niemals über eine Revision
der Ergebnisse dieser Kriege verhandeln, sie wird keinerlei Eingriffe
in die Kontinuität ihrer Rechtsordnung zulassen und auf keine Korrektur
der Geschichte auf Kosten unserer Zeitgenossen eingehen.
Wenn
eine Schuld in Form einer Entschädigung der verbleibenden Opfer der
Nazi-Willkür zu begleichen bleibt, so soll sie bezahlt werden. Aber
keine Geldsumme in keiner Währung wird je all das wiedergutmachen, was
wir oder unsere Vorfahren durch das Verschulden des Nationalsozialismus
durchmachen mußten. Weder die Zehntausende zu Tode Gefolterter oder
Ermordeter noch die moralischen, politischen und wirtschaftlichen
Verluste lassen sich je ersetzen, die wir infolge von München, der
Nazi-Okkupation, des Krieges und all seiner politischen Auswirkungen
auf die Nachkriegszeit erlitten haben. Und wir sind nicht so töricht,
den heutigen Generationen des demokratischen Deutschland Rechnungen für
all jenes Unrecht aufzumachen, das einige von ihren Vätern, Großvätern
oder Urgroßvätern vor vielen Jahren begangen haben, ebenso wie wir den
Völkern der ehemaligen Sowjetunion für die in den Jahrzehnten des
Kommunismus an unserem Land und an unseren Seelen angerichteten Schäden
keine Rechnungen aufstellen. Und weil dies so ist, halten wir alle
Versuche, in materieller oder anderer Form von uns Ersatz für die
Nachkriegs-Aussiedlung zu verlangen, für um so absurder. Der
Nationalsozialismus, München, der Krieg und all seine bitteren Früchte
gehören in die Geschichte, und das einzige, was wir tun können und auch
tun wollen, ist uns bemühen, diese Geschichte zu begreifen und alles
dafür zu tun, daß sie sich nie mehr wiederholt. Vertreter des
demokratischen Deutschland haben bereits vor langer Zeit die deutsche
Schuld für den Nationalsozialismus angesprochen, ohne Unmögliches - das
heißt ein Zurückdrehen der Geschichte irgendwohin vor dem Zweiten
Weltkrieg - zu versuchen. Auch wir haben versucht, unseren Teil der
Verantwortung für all das Ungute, was nach dem Krieg geschehen ist, zu
beschreiben, aber auch wir haben nicht die geringste Absicht, die
Geschichte zurückzudrehen, unsere vor langer Zeit durch das Parlament
legitim angenommenen Rechtsakte - über die die nachfolgende Geschichte
bereits Berge ganz anderer Akte aufgehäuft hat - aufzuheben, neue
Stürme im Bereich der Eigentumsverhältnisse ausbrechen zu lassen und
dadurch all den bösen Geistern aus der Vergangenheit den Weg zu ebnen.
Die Vergangenheit werden wir nie ändern können, und weder der
Dreißigjährige Krieg noch der erste und der Zweite Weltkrieg noch die
Konsequenzen des letzteren lassen sich aus unserem historischen
Gedächtnis löschen. Die Wahrheit über all diese Geschehnisse zu sagen,
ist jedoch unsere Pflicht gegenüber der Welt sowie uns selbst
gegenüber; dies ist von grundlegender Bedeutung für die Hygiene unserer
Nation und unseres Staates. Was die Aussiedlung betrifft, so müssen wir
auch die unangenehme Wahrheit zugeben und dabei keine Rücksicht darauf
walten lassen, welche verrückten Folgerungen jemand aus unseren Worten
ziehen mag. Unsere Selbstreflexion ist nämlich ein weiterer, noch
konsequenterer Schritt auf dem Wege einer Absage an die Prinzipien,
welche all den heutigen Feinden der offenen Gesellschaft als Grundlage
dienen, wenn sie versuchen, durch die Anmeldung ihrer Ansprüche das
teuflische Rad einer nie enden wollenden, von Stammesgefühl ausgehenden
Abrechnung wieder in Bewegung zu setzen.
Diejenigen,
die aus unserem Land einst vertrieben oder ausgesiedelt wurden, sowie
deren Nachkommen sind bei uns willkommen, genau wie alle Deutschen hier
willkommen sind. Sie sind willkommen als Gäste, die das Land in Ehren
halten, in dem Generationen ihrer Vorfahren gelebt haben, die die
Stätten betreuen, an die sie sich gebunden fühlen, und als Freunde mit
unseren Bürgern zusammenarbeiten. Vielleicht trennt uns keine große
Entfernung mehr von den Tagen, wenn Tschechen und Deutsche - nachdem
sie sich in dem nach innen offenen Raum der Europäischen Union
zusammengefunden haben - in der Lage sind, sich ohne Hindernisse
überall auf deren Gebiet niederzulassen und an dem Aufbau ihres so
erwählten Heimatortes teilzunehmen. Ein gutes Verhältnis unter Völkern,
und daher auch unsere Versöhnung, kann nur der Zusammenarbeit freier
Bürger entspringen, die der Versuchung widerstehen, sich unter
kollektiven Bannern zu scharen und in deren Schatten die Geister der
Stammesfehden wieder heraufzubeschwören. So wie die Zeit der
Entschuldigungen und der Aufstellung von Rechnungen für die
Vergangenheit enden und die Zeit einer sachlichen Debatte über sie
beginnen sollte, so muß auch die Zeit der Monologe und einsamer Aufrufe
enden und durch eine Zeit des Dialogs abgelöst werden. Der Dialog hat
ja schon lange begonnen - unter Bürgern, lokalen
Selbstverwaltungsbehörden, Historikern und sogar unter Politikern. Ich
bin ein Befürworter seiner ständigen Erweiterung und Vertiefung. Es muß
jedoch ein wirklicher Dialog sein. Das heißt, daß wir Informationen,
Erfahrungen, Kenntnisse, Analysen, Anregungen und Programme
austauschen, sie vergleichen, Einklang suchen und all das Gute in die
Tat umsetzen, worauf wir uns einigen, ohne daß sich entweder der eine
oder der andere - nicht einmal andeutungsweise - als Geisel des anderen
oder als Geisel unserer unheilvollen Geschichte fühlt.
Mit
anderen Worten, die Zeit der Konfrontation muß ein für allemal zu Ende
gehen, und eine Zeit der Kooperation muß beginnen. Je eindeutiger sich
die Beteiligten auf beiden Seiten zu der Idee des Bürgerstaates und der
Bürgergesellschaft bekennen, desto besser wird ihre Zusammenarbeit
gedeihen. Deutschland hat einen großen Vorsprung. Nicht nur im
wirtschaftlichen Sinne, sondern auch deshalb, weil es - wenigstens in
seinem westlichen Teil - jahrelang in Freiheit leben und einen
liberalen, demokratischen, auf all den zeiterprobten Werten der
westlichen Zivilisation beruhenden Staat aufbauen konnte, der wahrhaft
europäisch orientiert ist. Das heißt, er verfolgt das Ideal Europas als
Ideal eines politischen Organismus, der sich nach dem Prinzip der
Gleichheit der Großen und der Kleinen und deren gleichberechtigter
Zusammenarbeit richtet, einer Zusammenarbeit in Frieden und im Sinne
der gemeinsam empfundenen Achtung vor den Rechten und Freiheiten des
Menschen, vor Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, den Regeln der
Marktwirtschaft und der Idee der Bürgergesellschaft. In der
Tschechischen Republik blieb die Zeit lange stehen; das bedeutet aber
nicht, daß wir das Versäumte nicht schnell aufholen könnten,
insbesondere wenn wir uns auf das Potential der positiven Traditionen
aus der Vorkriegszeit stützen, die, wie man sieht, nicht einmal
siebenundfünfzig Jahre ganz haben tilgen können. Die Voraussetzungen
für eine gute Zusammenarbeit sind also gegeben. Und sollten störende
Töne, Stimmen oder Gefühle zum Vorschein kommen, ist es erforderlich,
dagegen auf beiden Seiten viel energischer aufzutreten, als das bisher
der Fall war. Auf der deutschen Seite sind es Stimmen, glücklicherweise
vereinzelt und isoliert, die versuchen, die geistigen Quellen der
einstigen deutschen Katastrophe zu rehabilitieren, Stimmen heimlicher
Nostalgiker, die sich an den Gedanken klammern, der Nationalstaat sei
der Höhepunkt menschlichen Strebens, und die sich von dem Glauben an
eine besondere deutsche Sendung nicht loslösen können, welche
Deutschland berechtigen soll, die anderen so zu betrachten, als sei es
ihnen übergeordnet. Auf der tschechischen Seite gibt es hingegen eine
seltsame, durchaus provinzielle Kombination aus Angst vor den Deutschen
und Servilität ihnen gegenüber; hinzu kommt bei manchen die
Unfähigkeit, sich aus der Zwangsjacke der in der Gesellschaft so lange
gehegten Vorurteile zu befreien. Dann und wann scheint mir, als ob der
für die Zeit unmittelbar nach dem Krieg charakteristische Gemütszustand
bei uns erhalten geblieben sei und auf eine seltsame Weise durch das
Gefühl ausgeglichen würde, man solle aus den Deutschen "wenigstens
etwas herausholen". So begegnen wir mitunter Menschen, die ihre
Umgebung - im Sinne der kommunistischen Propaganda - mit Reden über die
deutsche Gefahr schrecken und gleichzeitig an ihren Häusern "Zimmer
frei"-Schilder aufgehängt haben und sogar von Tschechen die Miete in
D-Mark kassieren. Auf der einen Seite also wortgewaltige, von
nationalistischer Verblendung und Fremdenhaß gekennzeichnete Aufrufe,
auf der anderen ein totales Fehlen von elementarem Bürgerstolz.
Wieder
ist es das gleiche: das Bedürfnis, den kommunistischen Kollektivismus
durch einen nationalen Kollektivismus zu ersetzen, die eigene,
individuelle bürgerliche Verantwortung abzuschütteln und in der
Anonymität einer Meute unterzutauchen, die alle anbellt, die nicht dazu
gehören, ist eine Spielart der Erscheinungen, die systematisch bekämpft
gehören. Die zeitweilig auftretenden Zeichen unterbewußten Glaubens an
eine unfehlbare Stimme des Blutes, des Schicksals, der Vorsehung und
der Volksmythen sowie an ein Recht, das Unmögliche, das heißt eine
Revision der Geschichte, die als eine Serie fortwährenden Unrechts an
dem eigenen Stamm betrachtet wird, zu fordern, sie sind nur eine andere
Variante desselben Irrglaubens.
*
* *
Meine
Damen und Herren, nachdem ich die verschiedenen Gefahren geschildert
habe, die am Wege zu einer guten tschechisch-deutschen Zukunft lauern,
nachdem ich diejenigen beschrieben habe, die - vielleicht, ohne sich
dessen bewußt zu sein - einer solchen Zukunft feindlich
gegenüberstehen, gestatten Sie mir, ein Bekenntnis meines Optimismus
abzulegen.
Ich
glaube an das demokratische, liberale und europäische Deutschland. Ich
glaube an das Deutschland eines Theodor Heuss, Konrad Adenauer, Kurt
Schumacher, Ludwig Erhard, Willy Brandt und Richard von Weizsäcker. Ich
glaube an die Millionen deutscher Demokraten. Ich glaube an
Deutschlands aufrichtiges Bestreben, den auf der Allgemeingültigkeit
der Grundwerte der euro-amerikanischen Zivilisation beruhenden Prozeß
der europäischen Vereinigung weiterzuentwickeln und zu vertiefen; ich
glaube an Deutschlands Engagement dafür, daß Europa zu einem Kontinent
des Friedens, der Freiheit, Zusammenarbeit, Sicherheit und gerechter
Verhältnisse unter all seinen Staaten, Völkern und Regionen wird.
Demnach glaube ich auch an Deutschlands aufrichtige Bereitschaft, eine
rasche Eingliederung Zentraleuropas in das Nordatlantische Bündnis
sowie in die Europäische Union zu unterstützen. Ich glaube einfach an
Deutschlands Bereitschaft, ein einflußreicher Mitgestalter des sich
zusammenschließenden Europas zu sein und dementsprechend seine
freundschaftlichen Beziehungen zu Polen, der Tschechischen Republik und
anderen neuen Demokratien positiv auf eine neue Grundlage zu stellen,
so wie es einst seine Beziehungen zu Frankreich, Luxemburg, Belgien,
den Niederlanden und Dänemark neu zu gestalten vermochte.
Mit
diesem Glauben stehe ich unter meinen Mitbürgen nicht allein. Die
eindeutige Unterstützung, die unser Staat von Anfang an vorbehaltlos
und ohne Argwohn der demokratischen Wiedervereinigung Deutschlands
entgegengebracht hat, ist Beweis dafür. Bereits als Dissidenten
behaupteten einige von uns - und stießen dabei oft auch bei manchen
Deutschen auf Unverständnis - daß es ein vereintes Europa ohne ein
vereintes Deutschland nicht geben könne und daß der eiserne Vorhang
erst fallen würde, nachdem die Berliner Mauer gefallen sei.
Ich
glaube auch an die positive Entwicklung der demokratischen
Tschechischen Republik; ich glaube, daß sie das traurige Erbe des
Kommunismus sowie der früheren historischen Traumata schnell bewältigen
und allmählich zu einem vollwertigen und verantwortungsbewußten
Mitglied der Familie der europäischen Demokratien werden wird.
Ich
glaube, daß schon in diesem Jahr manches getan werden kann, das das
Vertrauen zwischen unseren Ländern und Völkern vertieft, das die
Hindernisse und Hemmungen abbauen hilft, die unsere Beziehung belasten,
das dazu beiträgt, daß all die Schichten von Vorurteilen, Irrglauben,
Illusionen und Verdächtigungen, mit welchen wir uns auseinanderzusetzen
haben, aus dem Wege geräumt werden. Ich glaube, daß wir es schaffen,
auf dem guten Fundament weiter aufzubauen, das wir für unser
Zusammenleben nach 1989 gelegt haben, daß wir von den durch unseren
zwischenstaatlichen Vertrag gebotenen Möglichkeiten Gebrauch machen und
mit neuer Kraft und auf allen Ebenen die begonnene Zusammenarbeit
weiter entwickeln werden.
Ich
glaube, daß das gemeinsame Engagement für jene Grundwerte der
Zivilisation, auf denen das Europa von heute aufbaut, uns diese Arbeit
erleichtern wird, und daß wir in uns genügend Mut finden, um all jenen
die Stirn zu bieten, deren Politik sich in eine unheilvolle
Vergangenheit zurückorientiert und dementsprechend einen dicken Strich
durch unsere positive Zukunft ziehen möchte.
Ich
glaube an die Macht der Wahrheit und des guten Willens als Hauptquellen
unseres gegenseitigen Verständnisses.
Ich
danke für Ihre Aufmerksamkeit.
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